Abgesang des Bocks oder die metaphysische Grundstellung der Gegenwart
Helmut Walther (Nürnberg)


Mit dem Eingehen auf den vielbesprochenen Aufsatz „Anschwellenden Bocksgesang“ von Botho Strauß, zuerst veröffentlicht im „SPIEGEL“ 6/1993, abgedruckt in „Die selbstbewusste Nation“, einem „Reader, [der] stärkere und schwächere [Beiträge] versammelt“ (Strauß), soll die metaphysische Grundstellung auch noch des heutigen modernen Menschen bis hinein in die geistig „führenden“ Schichten aufgezeigt werden. Wenn man auch einen großen Teil der Empfindungen von Strauß angesichts des heutigen Daseins durchaus nachvollziehen kann, so scheint doch unsere geistarme Zeit den „Bocksgesang“ weitaus zu überschätzen, statt darauf zu sehen, was sich hinter der blumenreich beschworenen „Mnemosyne“ verbirgt: es ist der alte Wille zum metaphysischen Zurück in neuer Variante, wie er sich schon bei Rousseau und Nietzsche zeigt; mythische Vorstellungen und alte Werte werden beschworen, um dem modernen Sinnverlust zu entgehen: „Rechts zu sein... von ganzem Wesen, das ist, die Übermacht einer Erinnerung zu erleben... es handelt sich um einen... Akt der Auflehnung: gegen die Totalherrschaft der Gegenwart, die dem Individuum jede Anwesenheit von unaufgeklärter Vergangenheit, von geschichtlichem Gewordensein, von mythischer Zeit rauben und ausmerzen will.“ Die rechte Phantasie „sucht den Wiederanschluß an die lange Zeit, die unbewegte, ist ihrem Wesen nach Tiefenerinnerung und insofern eine religiöse oder protopolitische Initiation. Sie ist immer und existentiell eine Phantasie des Verlustes...“ Wer über Vernunft verfügt, und sich dennoch bewußt vom unaufgeklärten Gefühl leiten lassen will, handelt wie jener Sehende, der absichtlich die Augen verschließt, um sich mit dem Blindenstock voranzutasten. Eine solch blickverstellende Augenbinde ist die Wortmetaphysik des „Bocksgesangs“: da sich das Ziel nicht zeigt, muß der Weg ins Dunkel verlegt werden. Der „Verlust der Mitte“, der hier wie schon seit über hundert Jahren beklagt wird (Stichwort: Nihilismus), kann jedoch nicht im Heraufrufen von mythischer Vergangenheit und ehemaligen Grundständen überholt und aufgehoben werden. In seiner Sehnsucht nach rückwärtiger „Tiefe“ leistet ein derartiger „Gesang“ sowohl der Vernunft wie der lebendigen Existenz des Menschen im Gegenteil einen Bärendienst, weil damit die Aufgabe (in des Wortes doppeltem Sinn!) dieser Existenz verdeckt wird. Das Auftauen aus dem Gefrierfach der Geschichte übersieht, daß das Ablaufdatum lange überschritten ist; der Salmonellengefahr wehrt man nicht dadurch, daß man Salmonellen für gesund erklärt, sondern indem man nach frischer Nahrung sucht.

Wenn Strauß plötzlich nach rechts gewendet erscheint, so offenbar deshalb, weil er das Ideologische überhaupt und damit dessen Antithetik, die Grundlage aller Rechts-Links-Spielereien, aufgegeben hat, um sich der eigentlichen Grundproblematik zuzuwenden – wenn auch in verkehrter Perspektive: dem Problem des oder der Werte, für das er sich auf die Tradition und deren Wesen besinnt. Ihn interessieren deren Inhalte, er wünscht alte Zeiten und Seinsweisen zurück wie noch jeder Nostalgiker, wo es in Wirklichkeit um die Funktion und das Verständnis des Tradierens als solchem zu tun ist, um die Weise des Schaffens und Entleerens von Werten – letzteres ist unsere Situation. Seine „Kulturkritik“, deren Beendigung uns ihr Autor aus unerfindlichen Gründen androht, reicht nicht weit genug, gelangt nicht „in den Grund des Fragens“, um es heideggernd auszudrücken. Es ist dies eine trotz aller vorgeblichen mystischen Tiefe seltsam oberflächliche und rein ablehnende Kritik, die sich auf das Abgelehnte nie eingelassen hat. Ob ausgerechnet derjenige zum Kritiker berufen ist, dem das angesetzte Stück a priori nicht paßt? Und so wird Strauß das Abgelehnte, sprich, das Leben, wie es heute ist, zum „Angerichteten“, an das er die „Richte“ des rechten „Außenseiters“ hält – ein an Stefan George erinnerndes Martyrium scheint sich da aufzutun: Selbst- und Gemeinschaftszucht, Kalokagathie und Auserwähltheit waren auch schon die Ideale von dessen Scheitern.

Die Überschätzung dieses Textes wird auch daher stammen, daß es die „Bildungsbürgerschichten“ der Moderne ganz offenbar lieben, wenn ihnen ihr im Grunde nichtswürdiges Existieren von dazu sich berufen glaubenden „Intellektuellen“ in metaphysisch überhöhter Form vorgeführt wird – so gewinnt scheinbar selbst noch diese Nichtswürdigkeit Sinn. Anstatt darauf aufzumerken, daß diese Wortseifenblasen dazu dienen, sie weiter im Schlaf des Nichts, im Verplätschern in der Konsumideologie zu halten. Eine entsprechende Remedur gegen diese Malaria der Moderne wird nur in einer Bestandsaufnahme zu finden sein, die völlig nüchtern und klar ist und alle Phänomene des Seienden unvoreingenommen berücksichtigt, und wo in diese nicht bereits „Verlust“- und damit Wunschvorstellungen eingegangen sind.

Wird es denn dem tatsächlichen Sachverhalt gerecht, den bislang freiheitlichsten Staat auf deutschem Boden als „System der abgezweckten Freiheiten“ zu bezeichnen, in dem „allein der ökonomische Erfolg die Massen formt und bindet“? Nach Ansicht von Strauß sollen wir offenbar ärmer und radikaler werden, denn solche Gesellschaften, bei denen der Totalitarismus oder die Theokratie im Zentrum steht, werden „aufgrund ihrer geregelten, glaubensgestützen Bedürfnisbeschränkung im Konfliktfall eine beachtliche Stärke und Überlegenheit zeigen“. Gefahren, ernsthafte Schwächung, Kulturschock und Krieg sagt er als sicher voraus, den wir, die Kräfte des „ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens“, die „sittlich über [ihre] Verhältnisse gelebt haben“, nicht bestehen könnten. Vielmehr hätten wir offenbar den Eros, das Soldatentum, Kirche, Tradition und Autorität hochhalten sollen – womit wir denn immer noch im 19. Jahrhundert stünden. „Aber in wessen Hand, in wessen Mund die Macht und das Sagen?“ Auch diese Antwort kennt unser Autor: „Der Rechte – in der Richte“. Er selbst ist jener „Außenseiter-Heros“, der „den Bocksgesang in der Tiefe unseres Handelns“ wahrnimmt. Aber was weiß und will dieser Rechte? „Die Wiederkehr der Götter“? Vielleicht, doch andererseits: „Der Leitbild-Wechsel, der längst fällig wäre, wird niemals stattfinden.“ Und so schwankt er zwischen großartig-illusionärer Vorstellung einerseits („Sie haben Heidegger verpönt und Jünger verketzert – sie müssen jetzt dulden, daß der große Schritt dieser Autoren, Dichter-Philosophen, ihr braves Insurgententum wie eine trockene Distel zertritt.“), dem Rückzug in den „hortus conclusus“ andrerseits („Die Minderheit! Ha! Das sind bei weitem schon zu viele! Es gibt nur das Häuflein der versprengten Einzelnen. Ihr einziges Medium ist der Ausschluß der vielen.“), denn es fehlt ihm eine Meßlatte, welche die Synoptik der von ihm einseitig beschriebenen kulturellen Phänomene der Moderne erlaubte. Seine Kritik, die im übrigen in keinem Punkt neu ist, sondern lediglich bekannte Argumente wider das „Wesen“ der Moderne mit sprachlichem Manierismus überhöht, verfügt über keine Linie, sondern erwächst aus fehlenden Identifikationsmöglichkeiten und Verlustgefühlen, und so springt sie zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin und her.

Die Diagnose im Hinblick auf das sich als Reflexion der Vernunft auswickelnde Wesen des modernen Menschen kann nur so lauten: der eigentliche Werteverlust als Untergang des zentralen Transzendenzwertes der Vernunft (einst GOTT genannt) wurde bereits durch die Aufklärung im Gefolge Descartes’ eingeleitet, indem der Mensch sich auf sich selbst als Vernunftwesen stellte: „cogito ergo sum“. Die Ideologien – und insoweit ist auch noch der deutsche Idealismus in der Hauptsache die Mutter einer beziehungsweise mehrerer Ideologien: der Hegel’sche Ordnungs- und Staatsgedanke, angeblich dialektisch hervorgegangen aus der Identität von geistiger und materieller Entwicklung, setzt das Mittel als den Zweck, weil auch hier schon der transzendente Wert fehlt, fehlt, weil er angeblich im Staat schon da sei. Daher war Hegels Ideologie so leicht umzudrehen in den „Dialektischen Materialismus“, in der die „Neue Ordnung“ als Herrschaft des Proletariats über ein Kurzes angeblich notwendig aus der Antithetik der Geschichte hervorgehen sollte – alle Ideologie hat den ehemaligen transzendenten Zentralwert nicht ersetzt, sondern nur dessen Fehlen verdeckt. Kein Wunder, daß nach dem Ausräumen der Ideologien das Feld leer ist, immer noch der Zentralwert fehlt – er fehlte ja die ganze Zeit, doch kaum einer merkte es. Erst das Ende der Ideologien einschließlich des Kapitalismus, der im Grunde nur eine Anti-Ideologie gegen die „Gleich­macherei“ des Diamat war und sich so unter dem Decknamen „Freiheit“ unversehens mit dem Utilitarismus traf, macht manche, wie etwa Strauß, darauf aufmerksam, daß es nicht das Ideologische ist, was ihnen fehlt, sondern die eigentliche, die „geistige“ Heimat – deshalb wenden sie sich nach „hinten“ in die Konservativität alter Werte. „Rechts“ und „links“ gibt es hier aber nicht mehr, weil es das ganze Geschlecht ist, dem an der Phylogenesespitze die Einbindung fehlt.

Die Wahrnehmung dieses Fehlens führt nicht per se ipsum zur entsprechenden Konsequenz; die „neue Rechte“ macht es sich zu einfach, wenn sie sich auf alte Werte „zurückbesinnen“ will – es ist etwas ganz anderes, was wir den Alten abzulernen haben. Wie vor ca. 2500 Jahren die Vorsokratiker die Anfänge der Vernunft quasi aus dem „Nichts“ geboren haben, vor einer ganz ähnlichen Situation stehen wir um eine Kategorie versetzt heute: wo jene einst in der Rezeption des Seienden als dessen neuartige Interpretation den Beginn der Vernunft heraufführten, indem sie auf das Wesentliche des Konkret-Seienden aufmerksam wurden, mit eben dieser Laterne des Sokrates haben auch wir Heutigen herumzugehen, um mit offenen Augen auf dasjenige zu sehen, was Neues in unserer Zeit im Wege der Wissenschaft als Interpretation von Zeit heraufkommt, und dabei alle anderen Hervorbringungen dieser Zeit scharf zu beobachten, um sie zu verstehen – nicht aber, um sie abzulehnen. Diese Modernitätsfeindlichkeit Straußens ist typisch deutsch.

Statt dessen werden bei ihm anonyme geschichtswaltende Mächte, oder „die Linke“, oder „die Gesellschaft“, oder „die Medien“ verdächtigt, Auslöser einer drohenden apokalyptischen Katastrophe zu sein, ohne Roß und Reiter konkret zu benennen: die „Geschichte“ ist es, die nicht aufhört, „ihre tragischen Dispositionen zu treffen“. Ein solch mystisch kündendes Prophetenamt kennzeichnet seit Hölderlin, Nietzsche, Rilke, Heidegger den deutschen Geist – statt die Notwendigkeit und gleichzeitig die Verantwortung der Menschen auch für diese gesellschaftlichen Phänomene und deren Geistbedingtheit zu verstehen und einzuordnen zu versuchen; nein, wegschauen, künden und sich woanders hinwünschen: er ist der „rechte“ Bruder im Geiste der oben genannten Weltflüchtigen. Sie alle haben ihre Schönheiten als Dichter, deswegen sind sie aber noch lange keine Deuter! Besteht Intellektualität nicht vor allem darin, Zusammenhänge zu sehen und klar auf den Begriff zu bringen? Wozu man die Welt, wie sie ist, erst einmal annehmen und nicht gleich fliehen muß. Der Intellektuelle soll auf den Begriff bringen, wo die Masse die Zusammenhänge des Seienden nicht sehen kann, anstatt sie zu verdunkeln und Tragödien zu verkünden. „Incipit tragoedia“ („der Bocksgesang beginnt“) heißt es schon in der „Fröhlichen Wissenschaft“ – Strauß ahnt gar nicht, wie nahe er dem von ihm geschmähten Nietzsche in vielerlei Hinsicht steht. Auch dieses Beharren auf der eigenen Sonderrolle unter Schmähung gerade derjenigen, die einem am ähnlichsten sind: wie typisch deutsch.

Das Dichten, Deuten und Künden solcher Geister wirkt antiaufklärerisch, weil es in der Unzufriedenheit mit den herrschenden Zuständen die Vernunft verrät, anstatt sie unter allen Umständen festzuhalten. Noch in jedem Zurück – sei es Hölderlins Hellasbeschwörung im geträumten „Arkadien“, Nietzsches Künstler-Aristokratismus als schöner Schein der „blonden Bestie“, Rilkes Sehnsucht nach der Einheit mit der Natur, Heideggers resigniertes Warten auf die „Lichtung des Seins“ – liegt ein solcher Verrat der Vernunft durch die Vernunft, weil sie ihrer selbst überdrüssig ist, und genau dieser Verrat erst ermöglicht den Umschlag in mythisches beziehungsweise mystifizierendes und damit dämonisches „Denken“, weil erst und gerade dann andere im Menschen liegende Antriebe die Oberhand über die Vernunft bekommen, atavistische Vorstellungen die Vernunft in ihren Dienst nehmen. Wir dürfen nicht als Renegaten hinter die Vernunft zurück, sondern wir müssen unter striktem Festhalten an ihr über sie hinaus – und dazu können wir bei den Alten etwas lernen, wie diese in der Lage waren, die Vernunft über den Verstand hinaus zu eröffnen: mit den hellen Augen der Neugier des konzentrierten Verstandes fuhr Odysseus, der „schlaueste aller Menschen“, zwischen Skylla (der Tradition) und Charybdis (dem phantastischen Denken) hindurch, löste der Hellene die erratische Direktbedeutung der Dinge auf, und entdeckte in der rezipierenden Interpretation, die nur einem offen einlassenden und unvoreingenommenen Hinschauen möglich ist, das Wesen der Dinge und des Menschen.

„Meine Brüder, ich lehre euch den Übermenschen“ – dieser Satz will, wenn überhaupt etwas, so doch dieses sagen: der Mensch ist kein statisches Wesen, sondern als Teil der Natur ein sich entwickelndes, wie es Darwin auf rationalem Wege gezeigt hat. Jede Entwicklung aber ist vor allem eine Chance, daß Neues sich ins Seiende entbergen will; der Deutsche aber kündet in seinen apokalyptischen Deutungen dieses Bewußtseins immer nur seine Angst vor diesem Umbruch, in dem die Vernunft über sich hinauswachsen will: er kann und will nicht von seiner Vernunft lassen, lieber noch wendet er sich rückwärts. In dieser gleichen Angst töteten die Athener Sokrates und richteten die Juden einen Jesus hin: sie konnten und wollten von ihrer Verstandesauffassung der Welt nicht lassen, wollten die alten Werte restaurieren – wie Strauß und die rechte „Richte“, die das Neue ablehnen und Alt-Verbrauchtem erneut Geltung verschaffen wollen.

Es gab und gibt aber nirgends in der Natur ein Zurück, sondern nur das interpretierende Antworten auf eine neue Chance oder den Untergang; diese Alternative ist der Grund jener deutschen Angst – und so hat sie hier durchaus ihre Berechtigung und Funktion. Was noch wahrhaft lebendig ist am Menschen, mag zwar hier zunächst ins Stocken geraten und gehemmt werden – die Angst ist es, die diese notwendige Hemmung erzeugt – , aber dieses Stocken macht stutzig, und das Wundern ist aller Neuinterpretation des Seienden und damit auch der Philosophie Anfang als ein lebendiges, (sich) einlassendes Ergreifen der Chance, heute wie immer: den Entwicklungsgang dessen, was wir Geist nennen, weiterzutragen.

Daß dazu unter allen Umständen das konzentrierte Festhalten an der Vernunft nötig ist, zeigt uns wiederum ein Blick auf die Alten: das Ent-Decken der Vernunft war nur möglich unter ständigem Festhalten des Verstandes, und so lautet noch heute das Hauptgesetz aller vernünftigen Aussagen und damit aller Wissenschaft, daß sich die Aussagen der Vernunft durch den Verstand überprüfen lassen müssen. Ebenso wird eine Transzendenz der Vernunft nur unter ständiger Hinsicht auf diese Vernunft (und eben damit im zweiten Schritt auch auf den Verstand) möglich sein – womit sich jedweder Verrat der Vernunft als Abirrung ausweist. Wenn Strauß noch im Jahr 1995 einen Ernst Jünger, den Liebhaber der „Stahlgewitter“, als „Seher“ und „Weistum“ anbringt, so zeigt er damit nur die unvernünftige Bodenlosigkeit der heutigen Intellektuellen an, die wie Mephisto für ihren Intellekt etwas Apartes zurückbehalten wollen – lieber noch will der Eigenwille der auf sich selbst stehenden Vernunft das Nichts, als daß er nichts will –, und so fliehen sie vor der Chance in ihr Privatelysium und nennen sich stolz „Außenseiter“. Um es mit Christian Graf von Krockow zu sagen (Zeit-Magazin vom 17.3.95): „...darum dürfen wir ihm [Jünger] nicht nachgeben, wenn wir eine Wiederkehr des Unheils ausschließen wollen. Oder jedenfalls dürfen wir denen nicht nachgeben, die ihn zum Künder der Zukunft erwählen.“ Umsomehr, als ein Zeitgenosse Jüngers, Robert Musil, aus denselben Eindrücken ganz andere und wahrhaft weiterführende Schlüsse längst gezogen hat, von denen man merkwürdigerweise bei unseren heutigen Intellektuellen nichts hört: „Ohne Zweifel war er ein gläubiger Mensch, der bloß nichts glaubte: seiner größten Hingabe an die Wissenschaft war es niemals gelungen, ihn vergessen zu machen, daß die Schönheit und Güte der Menschen von dem kommen, was sie glauben, und nicht von dem, was sie wissen. Aber der Glaube war immer mit Wissen verbunden gewesen, wenn auch nur mit einem eingebildeten, seit den Urtagen seiner zauberhaften Begründung. Und dieser alte Wissensteil ist längst vermorscht und hat den Glauben mit sich in die gleiche Verwesung gerissen: es gilt also heute, diese Verbindung neu aufzurichten. Und natürlich nicht etwa bloß in der Weise, daß man den Glauben ‘auf die Höhe des Wissens’ bringt; doch wohl aber so, daß er von dieser Höhe auffliegt. Die Kunst der Erhebung über das Wissen muß neu geübt werden. Und da dies kein einzelner vermag, müßten alle ihren Sinn darauf richten, wo immer sie ihn auch sonst noch haben mögen.“ [Hervorhebungen durch den Verf.]

Das Lebendige am Menschen, mit dem die Chance ergriffen werden muß, ist nicht sein Intellekt als ein Vermögen unter mehreren, sondern seine Innerlichkeit, die sich mittels dieses Vermögens konstituiert. Nur wenn der Mensch im Setzen auf diese lebendige Innerlichkeit auch noch das Vernunftvermögen losläßt, so kann er unter Beibehaltung derselben über diese hinaus; diese Not des Loslassens ist die Angst des Abendländers, der sich als der Typus der auf sich selbst beharrenden Vernunft als „Später“ erlebt. Dabei zeigt sich das Neue bereits überall herandrängend – und wohl auch gerade in solchen gesellschaftlichen Phänomenen, die von Strauß so heftig beklagt werden, daß er sich in den „hortus amicorum“ wie einst Nietzsche zurückziehen möchte. Dort wird er allerdings, wie alle Mystagogen, den „Anspruch des Seins“ (Heidegger) verpassen: die Unvoreingenommenheit der Wissenschaft, wie sie sich in einem Einstein manifestiert, hat längst auf Phänomene im Seienden hingewiesen, die das Denken der Vernunft als Vernunft übersteigen, ebenso wie die rastlose Fortentwicklung der Technik Ergebnisse zeitigt, die neue Sehweisen und Erfahrbarkeiten des Seienden ermöglichen. Die Relativität der Zeit, das Denken in synergischen Zusammenhängen (etwa als Computer-Simulation), die mediale Verfügbarkeit und Gleichzeitigkeit des Wissens, das Aufklären von Strukturen als zeitgeschichteten Systemen, all diese Offenheiten des Seienden verweisen darauf, daß in ihm noch mehr verborgen ist, als sich unsere Vernunft träumen läßt. Die Griechen ergriffen die Chance, das Wesen des Seienden als Vernunft zu entdecken, wir aber sollen uns nach dem Willen solcher „Intellektueller“ wie Strauß zurückwenden? Dies wäre Verrat an der Vernunft ebenso wie an der lebendigen Innerlichkeit des Menschen, und würde als sich selbst erfüllende Prophezeiung genau zu dem Ergebnis führen, vor dem solche Propheten warnen.

Wer aber nun meint, damit werde einer fröhlichen Wissenschaftsgläubigkeit und einem blinden Setzen auf Technik oder gar angelsächsischem Utilitarismus das Wort geredet, irrt völlig. Nicht umsonst war davon die Rede, daß eine solche Entwicklung, wenn sie denn eintreten sollte, des ständigen und schärfsten Hinsehens auf die Vernunft bedarf – was aber heißt das? Daß vor allem die Regeln der Ethik, die das soziale Verhaltensgerüst der Vernunft ausmachen, beobachtet werden müssen, weil sonst das Ausgreifen über die Vernunft hinaus ohne tragfähige Basis dastünde, sondern vielmehr, wie noch heute, viele Ergebnisse der Wissenschaftstätigkeit zu im Hinblick auf die Vernunft unterkategoriellen Zwecken mißbraucht werden: ohne globale Ethik keine Transzendenz der Vernunft – dies wird der eigentliche Umbruch sein. Die vielgescholtene mediale Vernetzung und Berieselung – deren negative Seiten keineswegs übersehen werden sollen – bietet hier ebenfalls eine Chance: das Ethische im ständigen globalen Vergleich unausweichlich zu machen. Im übrigen ist die Beschimpfung des modernen Normalmenschen als Medienprodukt ebenso elitär wie dünkelhaft: Straußens Kenntnis seiner Mitmenschen scheint selbst nur eine rein medial gewonnene zu sein, sonst würde er die millionenfachen und aktiven Bemühungen vieler jener „Vielzu­vielen“ (Nietzsche) um ein lebendiges und menschenwürdiges Miteinander, sei es im gesellschaftlichen oder privaten Bereich, nicht ohne jedes Anzeichen von mitmenschlichem Verständnis als „dumpf aufgeklärte Masse“ verunglimpfen – typisch deutsch. Seine „Scheu“ und „Bewunderung“ gilt nicht den einzelnen Menschen, sondern dem „Großen und Ganzen“, der „artistischen Manier“ der Menschen „in all ihrer Schlechtigkeit“... Wie sein Dichterphilosoph Heidegger liebt er im Menschen nicht die konkreten Individuen, sondern sieht sich dem Abstraktum einer verfügbaren Masse gegenüber. Schwammige Romantik ist es, „die Würde der bettelnden Zigeunerin... auf den ersten Blick“ zu sehen, beim „protzigen Nächsten“, seinen Landsleuten, aber nicht: jeder Mensch ist, ohne darob gefragt worden zu sein, in bestimmte Verhältnisse hineingeboren und versucht, entsprechend den Vorgaben seiner speziellen Umstände das Leben zu bestehen.

Umso schlimmer, wenn sich Strauß mit solcher Haltung vor den Karren der Nation spannen läßt; denn dann wird mit seinen (individuell ehrenwerten) Argumenten zu ganz anderen, „nationalen“, „deutschen“ Zwecken Mißbrauch getrieben, ohne daß er dies offenbar bemerkt. Der „Staat“ ist das „Gefäß“ der Vernunft für die Organisation der „Nation“; Kant und Hegel geben ihn geradezu als das „Ziel der Geschichte“ aus – und zeigen damit den Boden an, auf dem sie stehen. Nebenbei: die Hochreligionen haben hierin viel früher wesentlich weiter gesehen, weil sie von der Innerlichkeit der Vernunft ausgingen (und nicht von deren funktionaler Anwendung); jede Hochreligion ist in ihrem Anspruch (wenn auch nicht in ihrer Lebenswirklichkeit) Menschheitsreligion, das Nationale wird darin übergangen: „Ein Gott ward gepredigt und Ein Königreich ... erblühte allen und zerstört wurde völlig die von Ewigkeit her friedlose und unversöhnliche Feindschaft der Völker.“ „...und alle bekannten einander als Brüder und lernten die eigene Natur (kennen).“ – Auch der Staat ist etwas, das überwunden werden wird, ebenso, wie einst Gruppen-, Stammes-, Städtezugehörigkeiten zugunsten des Staates mittels Vernunft überwunden wurden.

Gerade den Deutschen bietet hier ihre unglückselige Sonderrolle nach dem Zweiten Weltkrieg eine einmalige Chance, und sie wurde in der Hinwendung auf den europäischen Gedanken auch angenommen, nun aber von der „Rechten“ abgelehnt: in der Relativierung (nicht Ablehnung!) des Nationengedankens auf die Notwendigkeit globalen Zusammenwirkens hinzuarbeiten, wie dies als Forderung sowohl in den Hochreligionen wie auch im Begriff der Menschenwürde als Inkarnation des Ethischen längst enthalten ist. Eine rechte Rückwendung ins Nationale und Beschränkende wirkt hier kontraproduktiv und läßt eine Chance links (!) liegen, die über die Deutschen hinaus von Bedeutung ist. Es ist nicht „das Deutsche“, als quasi auszeichnende Besonderheit, die in das globale Zusammenwirken einzubringen ist, sondern es ist das zutiefst Menschliche, das allen Menschen auf dem Globus in gleicher Weise eignet, das wir vertreten sollten. Das Deutsche sollte in der Annahme unserer Geschichte das Ethisch-Menschliche sein; dessen Gegensatz ist das „Selbstbewußtsein der Nation“, wie es die moderne Rückwärtswende einfordert. Einem solchen Geschenk gegenüber wie der Wiedervereinigung, die den Deutschen ohne eigenes Zutun aus einer unvorhersehbaren, internationalen Konstellation wie ein Apfel in den Schoß fiel, soll daraus nun der Schluß gezogen werden, sich gegenüber den Völkern, die dies erst ermöglicht haben, erneut national abzugrenzen? Jede Betonung des eigenen Wesens gegenüber dem allen eignenden menschlichen Wesen ist eine rückwärtsgewandte Abgrenzung und damit eine schreiende Undankbarkeit gegenüber der Welt, die die Chance, ein Vorbild zu geben, außer Acht läßt.

Das Credo der Vernunft als Ethik lautet aus notwendiger Evidenz, die im gleichen Wesen aller Menschen gründet: „Ich kenne keine Nationen mehr, ich kenne nur noch Menschen.“ Die Unvernunft der Zeit zeigt sich in Bosnien, der ehemaligen UdSSR, in Frankreich (Atombomben-Tests) – überall wird dieser Satz umgekehrt, und die deutsche „Rechte“ meint auf diesen Zug nach Rückwärts aufspringen zu sollen, unterstützt von ängstlichen, ihre Angst dichterisch mystifizierenden „Intellektuellen“, die ihre eigentliche Pflicht auf den Kopf stellen, indem sie selbstgebraute Geheimmedizin vor der gründlichen Diagnose verschreiben.

Um die ehemalige „Linke“ ist es leider nicht besser bestellt, sie hat ebenso wie die Rechte keine eigene Stelle mehr, und so fallen beide notwendig in die gleiche Leere, ziehen aber daraus unterschiedliche Wertekonsequenzen. Allerdings hat die „Linke“ als Vertreter des Ethischen, das ihrem sozialdemokratischen Erbe entspricht, dabei mehr zu verlieren als die Rechte in Vertretung von Macht und Ordnung, und so steht sie auf wackligeren Beinen als die „Rechte“: Macht und Ordnung sind allgemein anerkannte Grundsätze des Verstandes, modifiziert durch die Vernunft. Hingegen sind die Regeln der Ethik zwar in die Verfassungen der westlichen, auf der griechischen Tradition bauenden Staaten eingegangen, noch lange nicht aber in deren Lebenswirklichkeit und in die „Herzen“ der Menschen. In den angelsächsischen Ländern gar grassiert der Utilitarismus erneut, der das Ethische lediglich als ein Anhängsel des Nützlichen begreifen will und damit die Vernunft zum Diener des Verstandes herabwürdigt. Warum wirkte die Französische Revolution von 1789 so durchschlagkräftig? Weil sie die Ideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit aus ihrem Jenseitsschlaf in der christlichen Religion ins Politische wendete, im Diesseits mit ihnen ernst machen wollte und der Vernunft Tempel weihte. Auf diese Weise wurde das Ethische das Fundament der Linken, in der sich die durch die restaurativen Kräfte der Rechten Benachteiligten sammelten. Beide Denkweisen gerannen im Gefolge der Hegelschen Geschichtsdialektik antithetisch zur Ideologie. Diese metaphysische Seifenblase der Identität von Weltgeist und Geschichtsentwicklung wurde durch die Geschichte selbst auf das Schönste widerlegt: noch in den frühen achtziger Jahren war in den intellektuellen Kreisen das Konvergenzdenken vorherrschend, das im Banne der Hegelschen Synthese erwartete, daß sich beide Ideologien aufeinander zu entwickeln würden. Doch die Grundfehler der marxistischen Theorie, daß das Ethische als das gleiche Wesen aller Menschen nicht mit der realen Ungleichheit der einzelnen Menschen zusammengedacht wird, sowie die Vergewaltigung des Ethischen durch die Macht in den kommunistischen Systemen, ließen die These des „Kommunistischen Manifests“ notwendig scheitern. Dieses Scheitern birgt die Gefahr in sich, daß der zum Kapitalismus aufgeputzte Utilitarismus sich bestätigt fühlt und die Werte der Vernunft als „Gleichmacherei“ gänzlich über Bord wirft. Der herrschende Sozialabbau und der auf die Bedürfnisse der lebenden Menschen keine Rücksicht nehmende Kampf um die wirtschaftliche Macht weisen in diese Richtung. Die durch den Zusammenbruch des Sozialismus in die Defensive geratene Sozialdemokratie macht es diesen restaurativen Kräften leicht, wenn sie sich auf Anpassung an diese und Richtungsstreitigkeiten beschränkt, anstatt ein offensives, ethisch fundiertes Konzept zu entwerfen, in dem die Ungleichheit der Einzelnen mit dem gleichen Wesen aller zusammengedacht und an den Werten der Vernunft ausgerichtet wird.

Ist diese Welt nicht in der Lage, ihrem Zusammenwirken ein ethisches Fundament zu geben, so ist sie angesichts der Potenz der angewandten Vernunft in Forschung und Technik und deren immanenter Folgen dem Untergang geweiht; an dieser Tatsache kommen weder „Rechts“ noch „Links“ vorbei, und aus diesem Grunde gleichen sich viele Aussagen aus beiden „Lagern“. Der Utilitarist und der Ethiker, sie benötigen einander in gleicher Weise, wie der Verstand und die Vernunft im einzelnen Menschen aufeinander angewiesen sind. Der angebliche Gegensatz zwischen „Rechts“ und „Links“ ist nur ein ideologischer Schein, in dem sich die Konzeptionslosigkeit der Verbindung dieser beiden Vermögen ausspricht, seit der transzendente Zentralwert der Vernunft dahingefallen ist. Die Zukunft wird davon abhängen, ob es der Menschheit in ihren führenden Schichten und in der Tradition gelingt, das Ethische ebenso zu verinnerlichen, wie der verstandesgemäße Nutzen jedem Menschen evident einleuchtet.

Zuletzt: die Sehnsucht, die Strauß umtreibt, wer teilte sie nicht? Welcher einigermaßen Denkende erlebt sich nicht abgestumpft und angeödet von dieser Welt, wie sie ist? Was aber ist das Gesuchte? Das Lebendige. Was ist das Lebendige? Das, was in Bewegung setzt. Wen? Den Geist. Wohin? Wo er annähernd davon ausgehen kann, daß seine Vorstellung vom Sein mit dem Seienden übereinstimmt, auf daß er sich selbst in der Wirklichkeit wiederfinde. Das Materielle des Verstandes war durch die ganze Geschichte der Vernunft hindurch überformt durch das Geistige – sei es als Religion oder Philosophie; die Auflösung der Hochreligionen und der daraus folgende Rückfall des Kommunismus und des Kapitalismus in den Materialismus (auch Nihilismus genannt) zeigen das Ende der Vernunft an. Entgeistert stellt der Mensch fest, daß die pfingstliche Begeisterung in der Entgeistung geendet ist. Die Vernunft, die sich in dieser Lage auf dem Weg nach Rechts im Willen zum Zurück selbst verrät, wird zum „Feind des Denkens“ (Heidegger) über sich selbst hinaus.